Bild: Herr der Regale: Dr. Dietrich Thier. Foto: Stadt Wetter (Ruhr) / Marietta Elsche

Archivalien sind nicht nur spannende Wegweiser in die Vergangenheit, sie haben auch Gewicht und verlangen nach Raum: Im künftigen Kreisarchiv in der ehemaligen Turnhalle an der Bismarckstraße sind in den vergangenen Wochen 2300 laufende Regalmeter verbaut worden, die nun auf ihre neue Bestimmung warten. Konkret auf die Karten, Bücher und Akten aus dem Archiv des Ennepe-Ruhr-Kreises, die hier in Alt-Wetter eine neue Heimat finden werden. Platzmangel ist dabei nicht zu befürchten: „Wir können auf den 292 Quadratmetern Hallenfläche Unterlagen mit einem Gewicht von rund 180 Tonnen unterbringen“, so Dr. Dietrich Thier, der als Fachbereichsleiter Kultur auch für das Kreisarchiv zuständig ist. Ein Archivwagen mit 50 Regalböden kann rund 3000 Kilogramm Papier aufnehmen.

Nun werden die Regale gefüllt, erste „neue Mieter“ im Archiv sind die historischen Exemplare der Wetterschen Zeitung ab dem Jahrgang 1874. Diese sollen allerdings zukünftig digitalisiert werden, denn der Zahn der Zeit hat bei den alten Zeitungsseiten seine Spuren hinterlassen. Und was kommt darüber hinaus ins Archiv? „Das ist fast noch so eine Art Wundertüte“, erklärt Thier, der in den nächsten Wochen das Material aus der Aktenablage des Kreiseseinsammeln“ wird: „Die Archivbestände haben noch keine Systematik. Alles, was angeliefert wird, müssen wir erst sichten und dann entsprechend einordnen.“ Einige der ersten Archivalien werden wohl  Katasterunterlagen sein: „Da sind herrliche Stücke dabei, die bis ins Jahr 1824 zurückreichen“, freut sich Thier. „Etwa kolorierte Karten, die Aufschluss über die Verteilung von Ackerland geben.“

Für die Archivalien herrschen im Kreisarchiv natürlich die entsprechenden Voraussetzungen: Neben hohen Sicherheitsvorkehrungen im Brandschutz, einer idealen Luftfeuchtigkeit von unter 45 Prozent und einer Raumtemperatur von 17 Grad sorgt eine spezielle, UV- undurchlässige Beschichtung der Fenster für die Sicherheit der Akten. Archivalien im DIN A 4 – Format werden in speziellen, extra verstärkten Archivboxen aufbewahrt – eine Entwicklung nach den Erfahrungen beim Einsturz des Kölner Stadtarchivs. Von Köln nach Weimar: Auch die Brandkatastrophe der Anna Amalia - Bibliothek in Weimar hat Auswirkungen in Wetter, denn im Kreisarchiv sind auch Boxen vorrätig, in denen Dokumente für die Gefriertrocknung vorbereitet werden können. Beim Löschen der Bibliothek in Weimar waren wertvolle Dokumente durchnässt worden. Auch beschädigte Archivalien können im neuen Kreisarchiv auf moderne Weise gerettet werden: Um etwa mit Schimmelpilz befallene Akten säubern zu können, steht den Mitarbeitern eine sogenanntemikrobiologische Arbeitsbank“ zur Verfügung. Eine weitere Neuerung: CDs und DVDs werden in Glas eingegossen, um sie dauerhaft haltbar zu machen.

Einen „Imagegewinn für unsere Stadt“, nennt Bürgermeister Frank Hasenberg das neue Kreisarchiv in Wetter und ist sich sicher, dass das neue Archiv von den Bürgerinnen und Bürgern angenommen wird: „Ich habe schon von vielen Seiten großes Interesse vernommen. Wir wollen das Interesse an der Heimatgeschichte fördern und den Bürgern hier ein offenes Haus bieten.“ Der „besondere Charmeliege zudem darin, „dass wir damit dieses denkmalgeschützte Gebäude einer neuen Nutzung zuführen können.“ Damit das Archiv auch von allen Bürgern genutzt werden kann, wird noch ein behindertengerechter Zugang entstehen. Für die Finanzierung des Archivs investiert der Kreis jährlich rund 120.000 Euro

Das Kreisarchiv steht allen historisch interessierten Bürgern zur Verfügung. Thier rechnet vor allem mit Forschern aus den Heimatvereinen, Studenten und Einzelforschern. „Wir planen auch spezielle Projekte mit den Schulen.“ Wo früher die Garderobe des einst auch als Theatersaal genutzten Jugendstilgebäudes war, finden die Gäste, gemeinsam mit den Archivaren, Platz zum Forschen. Bereits jetzt werden per Mail Findbücher an die Nutzer des Stadtarchivs verschickt. Künftig können sie ihre bestellten Akten dann an der Bismarckstraße einsehen. Die Räume des Stadtarchivs im Geschwister Scholl Gymnasium bleiben allerdings für das Archiv erhalten.

Die Leitung des Kreisarchivs übernimmt Dr. Thier. Neben Stadtarchivarin Bianka Sachs wird die Stadt im Laufe des Jahres auch noch einen Diplom-Archivar einstellen. Bürgermeister Hasenberg: Wir sind mit dem Kreisarchiv Dienstleister für den Kreis. Daher wird diese Stelle refinanziert.“